Der endlose Kampf um die Befreiung der Tiere.
Die Ausbeutung der Tiere ist so alt wie die Menschheit selbst. Es ist ein Verbrechen, dessen Anfang
in der ersten Kulturleistung überhaupt zu verorten ist: die Erfindung des Speers. Hier beginnt auch
Norm Phelps' Erzählung, er erzählt die längste Geschichte der Welt – die Geschichte von der
Versklavung der Tiere und dem Widerstand dagegen. „The entire history of human civilization is
the story of animal abuse remarkably unchanged through the centuries.“(11)
Norm Phelps, Autor von The Dominion of Love: Animal Rights According to the Bible und The
Great Compassion: Buddhism and Animal Rights, ist Mitbegründer der Society of Ethical and
Religious Vegetarians (SERV), früherer Mitarbeiter von The Fund for Animals (der seit 2005 zur
HSUS gehört) und seit 1987 in der Tierrechtsbewegung aktiv. In The Longest Struggle: Animal
Advocacy from Pythagoras to PETA beschreibt er die wichtigsten Stationen in der Geschichte der
Tierausbeutung. Insgesamt sieht er fünf wesentliche Änderungen, die sich seit der Neolithischen
Revolution in der Art und Weise der Versklavung nichtmenschlicher Tiere ergeben haben:
1. die
weitestgehende Überwindung religiöser Tieropfer;
2. eine deutliche Reduktion der Tierausbeutung
zu Arbeitszwecken im Zuge der Industriellen Revolution;
3. die weitgehende Einführung
wissenschaftlicher Tieropfer während der Renaissance;
4. die Transformation der Tierfarmen von
Gefängnissen in Konzentrationslager, was durch die Erfindung von Antibiotika möglich wurde; und
5. die Erfindung der Genmanipulation und Gen veränderter Tiere am Ende des 20. Jahrhunderts.
(12)
The Man Who Said No
Phelps gibt die Geschichte der Tierausbeutung – natürlich – nur episodenhaft wieder. So beschreibt
er den gesellschaftlichen Umbruch im Achsenzeitalter (800 – 200 v.Chr.), als in Europa und Asien
gleichzeitig große Philosophen die Geschichte der folgenden zweitausend Jahre nachhaltig prägen
sollten. Etwa 600 vor Christus entstand in Indien eine Bewegung von Menschen (Entsager /
Asketen), die nicht mit dem herrschenden System einverstanden waren: „The Renouncers opposed
Hinduism's notorious caste system […] and animal exploitation on identical grounds: they cause
suffering to sentient beings.“(18) Sie entwickelten das ethische Prinzip des ahimsa (sanskrit für
„nicht verletzen“), das in Jainismus, Buddhismus und Hinduismus Einzug erhalten hat. Auch wenn
sich diese Religionen für Vegetarismus und gegen religiöse Tieropfer einsetzten, so stellten doch
weder Mahavira (Gründer des Jainismus) noch Buddha in Frage, ob Tiere für Arbeits- und
Transportzwecke benutzt werden dürfen.(25)
Über die Handelswege kamen die Ideen der Entsagerbewegung in den Westen, wo sie von
Pythagoras aufgenommen wurden, der sich in Folge für Vegetarismus aussprach. Doch leider
sollten seine Ansichten nicht fruchten, da Aristoteles erklärte, dass die Menschen – menschlichen
sowie nichtmenschlichen – Sklaven gegenüber keine ethischen Pflichten haben. Aristoteles
postulierte eine Hierarchie der Wesen auf der Basis ihrer Seele, wobei die niederen Wesen
existierten um den höheren zu dienen. Die über Jahrtausende gesellschaftlich konstruierte „Natürlichkeit“ der Versklavung der Tiere fand nun auch eine theoretisch-philosophische
Legitimation. Doch andere Philosophen wie Plutarch, Plotin und Porphyrios verteidigten den
Vegetarismus.(37)
The Biblical Compromise
Als nächstes skizziert Phelps das Verhältnis des Judentums und Christentums zu den Tieren.
Während eine breite Strömung religiöser Menschen eine Religion der Angst propagierte, in der
Tiere massenhaft Gott als Opfer dargebracht werden sollten (die ursprüngliche Bedeutung des
Begriffs „Holocaust“)(42), gab es auch Außenseiter, die für ein Ende des Mordens und eine
Religion der Liebe protestierten. Der Widerspruch führte schließlich zum „Biblischen
Kompromiss“, der die Ausbeutung der Tiere nicht in Frage stellte, aber jede damit verbundene
Grausamkeit verbot. „Judaism took the thesis of animal exploitation and the antithesis of animal
rights and created a synthesis that I think of as the Biblical Compromise.“(46) „Centuries later, the
Biblical Compromise would become the model for the welfare philosophy that dominated animal
protection in Europe and North America from the Enlightenment through the first three-quarters of
the twentieth century.“(48) Auch wenn Jesus sich gegen religiöse Tieropfer einsetzte, so übernahm
das Christentum – mit Augustinus, Thomas von Aquin und auch Martin Luther – die aristotelische
Sichtweise, dass nichtmenschliche Tiere zu menschlichen Zwecken versklavt und getötet werden
dürfen.(Kapitel 5)
The Rise of Vivisection
Während der Renaissance wurde das theozentrische Weltbild nach und nach von einem
anthropozentrischen Weltbild abgelöst, „during the Renaissance, we stopped obsessing on God and
began obsessing on ourselves.“(63) Die Suche nach Erkenntnis offenbarte – auf Basis der
aristotelischen Sichtweise – eine neue Form der Grausamkeit gegenüber Tieren: die Vivisektion.
Und mit René Descartes wurden die Tiere zu Maschinen erklärt, „where Aristotle had attempted to
justify the enslavement and slaughter of animals by basing the entitlement to moral consideration on
something other than sentience, Descartes pursued the same goal by denying that animals are
sentient.“(68) Die ekelhafte Brutalität der Tierversuche konnte zumindest von einigen der
aufgeklärten Philosophen nicht völlig ignoriert werden. Voltaire, Rousseau und Hume setzten sich
mehr oder weniger für Tiere ein, doch letztlich übernahmen sie nur den Biblischen Kompromiss des „gentle usage“, also den Tierschutzgedanken. Nur der Gründer des Utilitarismus, Jeremy Bentham,
entwickelte einen echten Bruch im Denken durch seine berühmte Fußnote in „An Introduction to
the Principles of Morals and Legislation“. Doch seine Idee der Gleichheit der Tiere wurde erst gut
200 Jahre später von Peter Singer aufgegriffen. Denn ab dem 18. Jahrhundert bestimmte Kant das
ethische Denken, und für ihn gab es keine moralischen Pflichten gegenüber Tieren: „Anmials didn't
matter to Kant, and he wasn't about to waste time or energy on them.“(82)
Insgesamt habe ich den Eindruck gewonnen, dass erst die Vivisektion der Auslöser für eine breite
gesellschaftliche Bewegung gegen Tierausbeutung war. Entsprechend gibt auch Phelps der
Geschichte der Vivisektion und der Anti-Vivisektionsbewegung relativ viel Raum. Interessant für
den Tierrechtsdiskurs heute ist sicherlich die Tatsache, dass auch schon Ende des 19. Jh.
Diskussionen darüber bestanden, ob es strategisch sinnvoller wäre eine Regulierung oder die
Abschaffung der Vivisektion zu fordern.(145)
Ahimsa returns to the West
Das rationalistische und (natur-)wissenschaftliche Denken der Aufklärung hat den Tieren (in Form der
Vivisektion und der Ökonomisierung des Schlachtens) eher noch mehr Leid verursacht, statt ihre
Ausbeutung zu überwinden. Doch durch die Romantik und durch indische Philosophie, die dieses
Mal über die britische Kolonialherrschaft nach Westen kam, rückten auch Mitgefühl und Empathie
wieder (partiell) ins Zentrum der westlichen Philosophie. „In the nineteenth century, Indian thought
returned to the West, carried this time by the guardians of empire, where it was repackaged in
Europe by German philosopher Arthur Schopenhauer (1788-1860) and in America by the New
England Transcendentalists.“(152) Menschen wie Henry S. Salt (Animals' Rights: Considered in
Relation to Social Progress, 1892)4, Leo Tolstoi, Gandhi oder Albert Schweizer haben eine neue
vegetarische Bewegung etabliert. Doch für die Tiere war es längst zu spät. Die Industrielle
Revolution veränderte die Form der Tierausbeutung von Grund auf:
„From the victims' point of view, animal agriculture changed little from the Neolithic
Revolution until the middle of the twentieth century. […] Farmed animals were in prison:
they were not able to manage their own lives and organize their own societies, and they were
under a sentence of early death from the day they were born – but they were not yet in
concentration camps. […]
The Industrial Revolution released animals from forced labor. The scientific and
technological revolution that followed created a hell for animals that no one living earlier
than fifty years ago could have imagined.“(170f, 183)
Im restlichen Drittel des Buchs beschreibt Phelps die moderne Tierrechtsbewegung. Von Donald
Watson und Richard Ryder, über Henry Spira, Ingrid Newkirk und Paul Watson, bis zu ALF, SHAC und „Open Rescue“ erhalten wir ein detailliertes Bild der internationalen Bewegung gegen
Tierausbeutung und den damit verbundenen Diskussionen und Konflikten.
The Longest Struggle
Insgesamt ist The Longest Struggle ein hervorragend recherchierter und gut lesbarer Abriss über die
Geschichte der Tierausbeutung und des Kampfs um die Befreiung der Tiere. Zu kritisieren ist
vielleicht, dass Norm Phelps die gesellschaftliche Entwicklung zu sehr als Folge von individuellen
Handlungen und Meinungen darstellt, und dass er teilweise zu sehr seine persönliche Haltung
einfließen lässt. So habe ich zum Beispiel den Eindruck, dass für Phelps die Religion (als Vermittler
von Empathie) tendenziell als Retter der Tiere und die Wissenschaft eher als Ursache der
Tierausbeutung stilisiert werden (zumindest gebe ich diese Lesart wieder). Außerdem spricht er sich
deutlich gegen den rigorosen Abolitionismusansatz von Gary Francione (Rain without Thunder,
1996) aus: „Campaigns to reduce the suffering of enslaved animals, said Francione, actually retard
the movement and make rights harder to achieve because they send a subtle but powerful message
that animal exploitation is acceptable.“ Für Phelps macht Francione den Fehler zu glauben, „the
good is the enemy of the perfect.“(285)
Was sagt uns The Longest Struggle über den Zustand der Tierrechtsbewegung? Das Schlachten
nichtmenschlicher Tiere war niemals so effizient und grausam wie heute, die Energie aus den
Anfangsjahren der modernen Tierrechtsbewegung ist scheinbar verloren, die Bewegung ist tief
gespalten und TierrechtlerInnen werden als „Terroristen“ stigmatisiert (270). Steht es also schlecht um die
Befreiung der Tiere? Ich denke, die Fakten müssen im historischen Kontext der gesamten
Menschheitsgeschichte gesehen werden. Die Spaltung der Bewegung zeigt doch, dass sie sich
gesellschaftlich soweit etabliert hat, dass in verschiedenen Strömungen unterschiedliche Ansätze
verfolgt werden können. Es zeigt, dass die Tierrechtsbewegung nicht mehr wegzudenken ist. Und
selbst die Kriminalisierung der Tierrechtsbewegung kann aus historischer Perspektive – so tragisch
es selbstredend für politisch verfolgte AktivistInnen ist – positiv interpretiert werden, denn dadurch
wird deutlich, dass die Tierausbeuter Angst haben, und dass die Bewegung erfolgreich ist.
Widerstand ist ein Zeichen dafür, ernst genommen zu werden. Wenn wir unsere Handlungen also
im Kontext der Gesamtgeschichte sehen, wenn wir uns bewusst machen, dass wir einen Kampf
fortführen, der schon mehrere tausend Jahre alt ist, dann gibt es Hoffnung, und wir sollten den
Traum nicht aufgeben:
„Our strategy, therefore, must be to accomplish the possible while inspiring those who will
come after us to achieve the impossible. We must dream the impossible dream and broadcast
that dream so that every year, every decade, every generation, there are more and more of us
who share it. All the while, we must never retreat from doing what we can. To abandon
either the dream or the work is to abandon the animals, because it is this union of the
impossible dream with the possible work that will bring success. Nothing else will. At some
time that we cannot yet see, the dream and the work will merge, brought into reality by
generations of dedicated dreamers and workers, and the animals will be freed forever from
what George Orwell's philosopher pig called by its true name: „the tyranny of human
beings.““(310)
Ivo Windrich
Phelps, Norm. The longest struggle: animal advocacy from Pythagoras to PETA. 2007. Lantern
Books, New York. 367 Seiten, $20,-. |