Mitgefühl mit Tieren. Die Tierrechtsintiative. Mitgefühl mit Tieren heißt Tiere leben lassen | Die Tierrechtsinitiative Mitgefühl mit Tieren publiziert kritische Artikel und Texte zum Mensch-Tier-Verhältnis und zu unserer auf Gewalt basierenden Gesellschaft.

Mitgefühl mit Tieren.

Artikel

 
 

Zur Rolle des Mitgefühls in einer herrschaftskritischen Theorie zur Befreiung der Tiere 

   
  Eingestellt am: 20.12.2009
Ivo Windrich.
 
       
 

Der folgende Text soll den Zusammenhang von Mitgefühl und einer auf der Kritischen Theorie basierenden Befreiung der Tiere skizzieren und ist damit als Diskussionsbeitrag zur Veränderung des Mensch-Tier-Verhältnisses zu verstehen. Im Wesentlichen beziehe ich mich dabei auf die Dialektik der Aufklärung. Nun ist die Theorie der Frankfurter keine einfach verständliche Konzeption und ich selbst bin auch kein Experte auf diesem Gebiet, daher verweise ich für ein tieferes Verständnis auf den Sammelband Das Steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen der Tierrechtsaktion Nord (TAN).

 

Die Entstehung der verwalteten Welt

 

Seitdem der menschliche Geist sich von der Natur gelöst hat, versucht er Natur zu beherrschen, um nicht von den Naturgewalten beherrscht zu werden. Jedes neue Weltbild, das durch die Aufklärung „im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens“(DdA 9) erzeugt wurde, hat dabei ein anderes Verständnis der Naturzusammenhänge hervorgebracht. Der Geist, der die Natur versteht, bedient sich dieser. Das Wissen über die Natur impliziert die Macht „sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.“(DdA 10) In der Dialektik der Aufklärung beschreiben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno unter anderem, dass sich das naturbeherrschende Denken nicht durch die Aufklärung aufgelöst hat, sondern nur die Methode des Beherrschens durch neue Weltbilder modifiziert wurde. Unter mythischen oder metaphysischen Weltbildern wurde die Natur beeinflusst, indem entweder die Naturmächte selbst oder (später) die Gottheiten angesprochen wurden, die diese bedeuten(1). Hierbei schließt jedes mythische oder religiöse Ritual „eine Vorstellung des Geschehens wie des bestimmten Prozesses ein, der durch den Zauber beeinflusst werden soll.“(DdA 14) Während unter (natur-)religiösen oder metaphysischen Weltbildern die Natur durch mythische oder religiöse Rituale beeinflusst werden sollte, haben die Menschen durch die Wissenschaft ein differenzierteres und adäquateres Verständnis der Naturzusammenhänge gewonnen und konnten diese folglich direkt kontrollieren und manipulieren. „Der Verstand, der den Aberglauben besiegt, soll über die entzauberte Natur gebieten.“(DdA 10) Während bis zum (bisher) letzten Schritt dieses Aufklärungsprozesses der Mensch den Gottheiten, die die Naturmächte vertreten, unterstand und er durch Bitten an diese versucht hat, die Welt für seine Zwecke zu verändern, konnte mittels der Auflösung metaphysischer Weltbilder durch die Naturwissenschaft der Mensch selbst über die Natur gebieten und wurde zum Gott erweckt. Doch dieses „Erwachen des Subjekts wird erkauft durch die Anerkennung der Macht als des Prinzips aller Beziehungen.“(DdA 15) Je nachdem welches gedankliche Modell die Völker und Kulturen verinnerlicht haben um die Welt zu erklären, unterscheiden sich also die Verfahrensweisen mit denen Natur beherrscht werden sollte. „Als Gebieter über Natur gleichen sich der schaffende Gott und der ordnende Geist. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen besteht in der Souveränität übers Dasein, im Blick des Herrn, im Kommando.“(DdA 15) Nach der Theorie der Dialektik der Aufklärung ergibt sich also die folgenschwere Erkenntnis:

 

„An den Wendestellen der westlichen Zivilisation, vom Übergang zur olympischen Religion bis zu Renaissance, Reformation und bürgerlichem Atheismus, wann immer neue Völker und Schichten den Mythos entschiedener verdrängten, wurde [...] die Beherrschung der Natur drinnen und draußen zum absoluten Lebenszweck gemacht.“(DdA 38)

 

Die eisigen Strahlen der Sonne der kalkulierenden Vernunft

 

Auf diese Weise beherrscht, kontrolliert und instrumentalisiert der aufgeklärte Mensch die Welt und verwendet die Natur für seine Zwecke. Als höchstes Ziel dieser subjektiven Rationalität erscheint „die Unterwerfung alles Seienden unter den logischen Formalismus“(DdA 33). Der Nutzen aus der Naturbeherrschung soll mathematisch berechenbar sein. Vernunft wird zum „bloßen Hilfsmittel der allumfassenden Wirtschaftsapparatur“(DdA 36) Diese subjektive Vernunft ist auf Zwecke ausgerichtet, vernünftig, so „wird der Durchschnittsmensch sagen“, ist gleichgesetzt mit nützlich(2). Die Vernunft wird reduziert auf ein „allgemeines Werkzeug, das zur Verfertigung aller anderen Werkzeuge taugt, starr zweckgerichtet, verhängnisvoll wie das genau berechnete Hantieren in der materiellen Produktion, dessen Resultat für die Menschen jeder Berechnung sich entzieht.“(DdA 36f) Die Beherrschung und Instrumentalisierung der Natur ist ein Abstraktionsprozess, welcher eine „Distanz des Subjekts zum Objekt“(DdA 19), also zwischen Geist und Natur voraussetzt. Dieser Prozess geht einher mit der Verdinglichung der Natur. Er impliziert eine Verfügungsgewalt und hat damit eine Mentalität von Eigentums- und Besitzdenken zur Grundlage. Solches Denken kann sich aber immer nur auf ein Objekt beziehen, die Subjektnatur fühlender Individuen muss ausgeblendet werden. Es wird also nur der Teil der Wirklichkeit betrachtet, der für den beherrschenden Geist von Interesse ist. Das Subjekt wird zum Objekt degradiert. Dieses Denken hat fatale Folgen für das entsubjektivierte Wesen, da seine Leidensfähigkeit unter Umständen mit ausgeblendet wird. Da das verdinglichende Denken einen wesentlichen Teil der Realität ausblendet, muss es als irrational betrachtet werden. Die mit dieser Abstraktion entstandene Distanz des Herrschenden zum Beherrschten erschafft eine Kluft zwischen den Individuen einer Gesellschaft und verhindert soziales Verhalten(11) und ein harmonisches Zusammenleben.

 

Ein anschauliches Beispiel für dieses beherrschende und instrumentalisierende Denken ist der Arbeiter, die Arbeiterin im Kapitalismus, die „Versachlichung des Menschen in Fabrik und Büro.“(DdA 37). DieseR wird zur Arbeitskraft instrumentalisiert, zum Werkzeug der Firma, ein Werkzeug mit einem Marktwert, welcher sich im Lohn widerspiegelt. Der über das System der Lohnarbeit beherrschte Mensch wird zur Maschine verdinglicht, welche effizient funktionieren soll, zum Humankapital(3). Seine subjektiven Interessen werden dabei notwendigerweise vernachlässigt, eingeschränkt, missachtet. Das Subjekt wird zum Besitzgegenstand der Firma, der Arbeiter, die Arbeiterin wird entmenscht. Diese Versachlichung der Seelen durch den Industrialismus(DdA 34) wird zurückgeführt auf den „Zwangscharakter der Selbsterhaltung“(DdA 37), der als Ursprung des naturbeherrschenden Denkens ausgemacht wird. „Je weiter aber der Prozeß der Selbsterhaltung durch bürgerliche Arbeitsteilung geleistet wird, um so mehr erzwingt er die Selbstentäußerung der Individuen, die sich an Leib und Seele nach der technischen Apparatur zu formen haben.“(DdA 36)

 

Das Denken wurde also in dem seit Menschheitsbeginn fortlaufenden Prozess der Aufklärung immer stärker auf die Nutzbarmachung der Natur ausgerichtet, Vernunft wurde von dem einen Sinn – Naturbeherrschung – assimiliert: „Grenzenlos Natur zu beherrschen, den Kosmos in ein unendliches Jagdgebiet zu verwandeln, war der Wunschtraum der Jahrtausende. Darauf war die Idee des Menschen in der Männergesellschaft abgestimmt. Das war der Sinn der Vernunft, mit der er sich brüstete.“(DdA 264) Fortschritt im Namen der Menschheit wird so zur fortwährenden Parole unserer Zeit, welche das Denken rein auf Zwecke ausrichtet und somit in Ketten legt. Die Aufklärung hat das menschliche Dasein gänzlich auf den einen Zweck ausgerichtet: Herrschaft.

 

„In dieser vom Schein befreiten Welt, in der die Menschen nach Verlust der Reflexion wieder zu den klügsten Tieren wurden, die den Rest des Universums unterjochen, wenn sie sich nicht gerade selbst zerreißen, gilt aufs Tier zu achten nicht mehr bloß als sentimental, sondern als Verrat am Fortschritt.“(DdA 270)

 

Tiere unter der Herrschaft subjektiver Vernunft

 

Die anderen Tiere in unserer Gesellschaft sind den Menschen biologisch unterlegen, da der Mensch mit seinem Verstand den Tieren jede Gegenwehr unterdrücken kann. Diese Schwäche wird den nicht-menschlichen Tieren zum Verhängnis: „Wo Beherrschung der Natur das wahre Ziel ist, bleibt biologische Unterlegenheit das Stigma schlechthin, die von Natur geprägte Schwäche zur Gewalttat herausforderndes Mal.“(DdA 265) Die Beherrschung der Natur impliziert eine Herrschaft über die Tiere, die unter der kalkulierenden Vernunft zu Dingen gedacht werden. Die Tiere sollen als Teil der Natur zum Nutzen der Menschen verwertet werden. Die Existenz der fühlenden Kreatur wird ausschließlich über ihre Funktion, ihre Verwertbarkeit definiert. Nicht-menschliche Subjekte werden zu Messinstrumenten, Rohstoffen, Maschinen, Ausstellungsstücken, Sehhilfen (Blindenhunde) oder Projektionsflächen für soziale Bedürfnisse (Heimtiere). Erfüllen sie keine Funktion, dann stören sie die Interessen des Menschen und werden beseitigt. „Die Tiere werden entweder ökonomisch funktionalisiert oder ausgerottet.“(4) „Mit der Ausbreitung der bürgerlichen Warenwirtschaft wird der dunkle Horizont des Mythos von der Sonne der kalkulierenden Vernunft aufgehellt, unter deren eisigen Strahlen die Saat der neuen Barbarei heranreift.“(5) Nicht-menschliche fühlende Wesen werden zur Ware Tier. Dieses naturbeherrschende Denken wird in unserer Gesellschaft noch begleitet von einer Spezies bezogenen gruppenegoistischen Ideologie (Speziesismus), welche im Wesentlichen während der letzten Jahrhunderte durch die extreme Polarisierung der Begriffe „Mensch“ und „Tier“ (Anthropozentrismus der Aufklärung) entstanden ist(6). Der Speziesismus erklärt hierbei auf welche Gruppe von unterdrückten Wesen diese beherrschende Ideologie ausgerichtet ist, aber die Wurzel der Versklavung der Tiere bleibt die beherrschende Sichtweise, die instrumentelle Vernunft selbst. Diese Vernunft, welche die Tiere nur unter dem Aspekt des Nutzens für die Menschen betrachtet, abstrahiert die nicht-menschlichen Subjekte zu Objekten. Die Tiere werden dadurch nicht als Du wahrgenommen(7), sondern als Gebrauchsgegenstand, als Nutztier. Durch diesen Abstraktionsprozess entsteht also eine Distanz zwischen Mensch und Tier, welche uns die Qualen des Schlachthauses vergessen lässt. So erscheint das Quälen und Töten fühlender Tiere im Versuchslabor oder im Kükenmuser plötzlich vernünftig. „In Krieg und Fieden, Arena und Schlachthaus, vom langsamen Tod des Elefanten, den primitive Menschenhorden auf Grund der ersten Planung überwältigten, bis zur lückenlosen Ausbeutung der Tierwelt heute, haben die unvernünftigen Geschöpfe stets Vernunft erfahren.“(DdA 262) Eine Befreiung der Tiere muss also dort ansetzen, wo ihre Versklavung beginnt: im menschlichen Geist. Die falsche Vernunft, die uns zurück in die Barbarei führte und immer weiter führt, muss durchschaut werden. Damit ist für die Befreiung der Tiere eine umfassende Kritik der beherrschenden Vernunft ebenso notwendig wie eine Kritik der speziesistischen Ideologie. Eine solche Kritik wird letztendlich auch darauf abzielen, die Beherrschung und Ausbeutung von Menschen und der Erde zu beenden. Die Vernunft muss lernen Mensch, Tier und Umwelt nicht mehr nach dem Nutzen, sondern nach einem Harmonieprinzip zu betrachten. „Aufklärung vollendet sich und hebt sich auf, wenn […] die von der herrschaftlichen Wissenschaft verkannte Natur als die des Ursprungs erinnert [wird].“(DdA 49) Die nicht-menschlichen Tiere müssen zum Selbstzweck leben dürfen und nicht mehr für das Fleisch auf dem Teller.

 

Mitgefühl und naturbeherrschende Vernunft

 

Das Mitgefühl spielt in einer solchen Theorie meist nur eine motivierende Rolle. „Das Movens der Solidarisierung mit Tieren gründet im durch Nachvollzug ihres Leidens entstandenen Interesse an Abhilfe - im Mitleid; [...]“(8) Meiner Ansicht nach ist es aber mehr als nur die Motivationshilfe, die Triebfeder. Das Einfühlen in das gequälte Individuum lässt uns die Realität – seinen faktischen Subjekt-Status – erkennen und damit das verdinglichende Denken schmelzen(9). Mitgefühl erzeugt ein negierendes Moment im beherrschenden Geist, denn die wahrgenommene Realität steht plötzlich der Verwertungslogik entgegen. Es hebt „das Prinzip der blinden Herrschaft“(DdA 48) auf und zwingt die Menschen ihr Verhältnis zu den Tieren zu überdenken.

„Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben.“(DdA 15) Eben bei diesem Prozess der Distanzierung von Geist und Natur – hier also Mensch und Tier – muss Mitgefühl intervenieren, denn es wirkt der Entfremdung und damit letztlich der Beherrschung entgegen. Das Mitgefühl als geistige Fähigkeit ändert den Fokus des Denkens vom Ich zu anderen Subjekten. Es wirkt dem Zwangscharakter der Selbsterhaltung und damit der subjektiven Vernunft entgegen. Wo Mitgefühl kultiviert wird, ob individuell oder in (den Bildungsstrukturen) einer Gesellschaft, wird naturbeherrschendes Denken abgebaut. Mindestens bei der Umsetzung einer herrschaftskritischen Theorie zur Befreiung der Tiere, also bei der Veränderung der Gesellschaft dahingehend, dass Tiere nicht mehr millionenfach unter der Verwertung für die Menschen leiden müssen, können Mitgefühl und Empathie wirksame Methoden zur Befreiung von beherrschenden Denken sein. Ein anschauliches Beispiel hierfür sei der Hase, der (privat) gefangen gehalten wird, damit dessen Körper zu Weihnachten verwertet werden kann. In diesem mikrokosmischen Herrschaftssystem wird der Hase also auch nur über den Nutzen für den Menschen definiert, sein subjektives Wesen zur Ware Fleisch abstrahiert. Doch dann passiert folgendes: Der Mensch entwickelt aufgrund der sozialen Nähe zum Tier eine mitfühlende, empathische Haltung und erkennt den Hasen als Du. Da der Hase nun als das wahrgenommen wird, was er wirklich ist – ein Subjekt – kann er nicht mehr geschlachtet werden. Oft hört mensch die alte ''Weisheit'': Gib dem Tier, das du schlachten willst, keinen Namen. Dadurch soll das Mitgefühl unterbunden, die Realität, dass das Tier ein Subjekt ist, ausgeblendet werden.

Das Mitgefühl überwindet die Distanz zwischen Herr und verdinglichtem Subjekt, es baut eine Brücke zwischen Geist und Natur, welche die Abstraktion des fühlenden Tieres zum Instrument überwindet. Durch das Mitgefühl wird das zum Objekt abstrahierte Subjekt wieder zu dem, was es von seinem ursprünglichen Wesen her schon immer war: zum freien Individuum.

Herrschaft bedeutet immer Unfreiheit für die beherrschten Wesen und ist somit immer auch mit Leiden verbunden. Da Mitgefühl ein Streben impliziert, das Leiden anderer zu beenden, stehen sich Herrschaft und Mitgefühl tendenziell entgegen. Eine bewusste Ausbeutung und Mitgefühl schließen sich sogar gegenseitig aus. Wer ein fühlendes Wesen ausbeutet kann kein Mitgefühl mit diesem haben, vice versa kann ein Tier nicht ausgebeutet werden, wenn im Geist des Menschen Mitgefühl mit eben diesem Tier besteht – unter der Voraussetzung, dass Kenntnis über den Ausbeutungszusammenhang besteht. Dies bedeutet aber leider auch, dass ein von instrumenteller Vernunft geprägter Verstand kein Mitgefühl mit den beherrschten Tieren entwickeln wird, da das Mitgefühl schließlich keinen Nutzen bringt. Im Gegenteil, nach dem Zwangscharakter der Selbsterhaltung – die Ursache des naturbeherrschenden Denkens – wird Mitgefühl eher als schädlich für das Selbst betrachtet.

Da die Unterdrückung und Instrumentalisierung nicht-menschlicher Individuen aber ihre Wurzeln im von Ausbeuter- und Herrschaftsmentalität geprägten menschlichen Geist haben, muss eine Befreiung der Tiere eben dort ansetzen. Damit der menschliche Geist sich mit der Natur versöhnt und dadurch Mensch und Tier befreit werden können, muss er durch Mitgefühl verändert werden und das Denken muss gleichzeitig „das Element der Reflexion auf sich“(DdA 44) (wieder)finden. Daher behaupte ich, eine Befreiung der Tiere ohne eine theoretische Fundierung des Mitgefühls ist nicht möglich. Sich aber allein auf das Mitgefühl als Mittel der Aufklärung zu verlassen birgt eine Gefahr in sich. Mitgefühl ohne analytisches Denken kann auch einfach nur die Art der Herrschaft ändern, weg von einer tyrannischen, hin zu einer gnädigen. Unter einer ''gnädigen Herrschaft'' würden Tiere weiter als Nahrung produzierende Maschinen oder Instrumente zur empirischen Bestätigung abstrakter Formeln versachlicht und eben nur besser behandelt werden. Der menschliche Geist aber, der die Situation der Tiere – als Sklave unter der totalitären Herrschaft des Menschen – intellektuell versteht und dem diese Situation mittels Mitgefühl auch noch vollkommen bewusst wird, der wird den tiefen Wunsch entwickeln, die nicht-menschlichen Tiere aus dieser – für sie – katastrophalen Situation zu befreien, als sei er selbst Sklave einer fremden Macht.

 

Einige wichtige Fragen bleiben offen. Wie passt Mitgefühl in eine gesellschaftsverändernde, emanzipatorische Theorie und daraus resultierende politische Praxis? Wird das Problem der kollektiven Ausbeutung der Tiere dabei ebenso auf den privaten und damit unpolitischen Bereich reduziert wie es bei den geläufigen moralischen Überlegungen bei Glaubens- oder Ethikansätzen der Fall ist? Oder ist im Gegenteil eine Utopie einer besseren Gesellschaft auf Basis der derzeitigen von beherrschender Vernunft geprägten Gesellschaft denkbar? Kann es so etwas wie eine ''mitfühlende Gesellschaft" geben, sprich eine Gesellschaft, in der – besonders in Bildungsstrukturen – Mitgefühl aktiv kultiviert wird? Und wie kann eine Kultivierung von Mitgefühl seitens der Tierrechtsbewegung praktisch umgesetzt werden, außer mit Bildern von Tierleichen und der primitiven, brutalen Gewalt des Schlachthofs? Und auch was genau unter Mitgefühl zu verstehen ist und wie seine verschiedenen Ausprägungen differenziert werden können, muss durch weiterführende Analysen kritisch untersucht werden.(10) Ich denke aber grundsätzlich, dass, solange in den Menschen einer Gesellschaft noch die Anlagen zum Massenmord an Tieren vorhanden sind – Speziesismus in Verbindung mit naturbeherrschendem, rein zweckgerichtetem Denken – sich über die objektiven gesellschaftlichen Faktoren, die die Vernichtung der Tiere bestimmen, also im Wesentlichen das politische und ökonomische System, nicht viel an der Situation der Tiere ändern lassen wird, so dass wir eben mittels Mitgefühl und Aufklärung die subjektiven Wurzeln der Barbarei gegenüber den Tieren – die psychologischen und ideologischen Ursachen – beseitigen müssen. Hierbei sollten aber selbstverständlich die Wechselwirkung und die gegenseitige Bedingtheit der subjektiven und objektiven Faktoren berücksichtigt werden.

 

Quellen und Anmerkungen:

(DdA) Horkheimer, Max und Adorno, Theodor W. Dialektik der Aufklärung. S. Fischer Verlag GmbH. 2008.

(1) Vgl. „Zur Entstehungsgeschichte des Denkens“ in Haker, Carsten. Das Mensch-Tier-Verhältnis in der Kritischen Theorie. Aus Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Susann Witt-Stahl (Hrsg.). 2007. Alibri Verlag. S. 26ff.

(2) Vgl. Horkheimer, Max. Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. S. Fischer Verlag GmbH. 2007. S. 16

(3) Der Begriff ''Humankapital'' bezeichnet eigentlich das abstrakte Wissen der Arbeitskräfte als immaterielles wirtschaftliches Gut, wird aber in dem hier betrachteten Zusammenhang sicherlich nicht sinnentstellt.

(4) Noerr, Gunzelin Schmid. Mitleid mit der gequälten Kreatur. Aus Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. s. (1) S.62

(5) Dialektik der Aufklärung S. 38. Ich bin nicht sicher, ob mit der ''neuen Barbarei'' ein allgemeiner kultureller Zustand gemeint ist, der von einem Destruktionstrieb durchzogen ist, oder speziell der Terror des Nationalsozialismus, auf den in der Dialektik stets Bezug genommen wird. In beiden Fällen kann die Beschreibung aber im behandelten Kontext auch auf das Mensch-Tier-Verhältnis übertragen werden.

(6) Vgl. zur Geschichte des Speziesismus: Maurizi, Marco. Die Zähmung des Menschen. 2. Herrschaft als Ideologie. Aus Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. S. 114ff. Maurizi beschreibt hier, dass die Universalität der Begriffe „Mensch“ und „Tier“, die Voraussetzung für eine speziesistische Ideologie ist, sich geschichtlich entwickelt hat. Weiterführend kann ich zu diesem Thema auch den Artikel Der Speziesismus und seine Verflochtenheit mit herrschenden Ideologien von Susann Witt-Stahl auf http://www.tierrechts-aktion-nord.de/texte/speziesismus.html empfehlen.

(7) Vgl. Bujok, Melanie. Zur Verteidigung des tierlichen und menschlichen Individuums. III.3. Das tierliche ‚Du’. Aus Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. S. 318f.

(8) Bujok, Melanie. Zur Verteidigung des tierlichen und menschlichen Individuums. Ebd. S. 320

(9) Ich verwende den Begriff schmelzen, da es sich in der Tat um einen langsamen und kontinuierlichen Änderungsprozess handelt, der immer wieder die Wärme des Mitgefühls benötigt um „die eisigen Strahlen der Sonne der kalkulierenden Vernunft“ zu erweichen.

(10) Zu Schopenhauers Mitleidsethik und zum Mitleid in der Kritischen Theorie vgl. Noerr, Gunzelin Schmid. Mitleid mit der gequälten Kreatur. 3.Zur Kritik des Mitleids. Aus Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. s. (1). S.59ff

(11) Diese Anmerkung wurde nach Veröffentlichung eingefügt: Verhalten zwischen mehreren Individuen ist immer "sozial", gemeint ist selbstverständlich ein als positiv zu betrachtendes soziales Verhalten im Gegensatz zu asozialen Verhalten, welches aus Herrschaft entsteht.

 

 

 
       
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