Mitgefühl mit Tieren. Die Tierrechtsintiative. Mitgefühl mit Tieren heißt Tiere leben lassen | Die Tierrechtsinitiative Mitgefühl mit Tieren publiziert kritische Artikel und Texte zum Mensch-Tier-Verhältnis und zu unserer auf Gewalt basierenden Gesellschaft.

Mitgefühl mit Tieren.

Artikel

 
 

Buchrezension Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen

Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere

 

   
  Eingestellt am: 13.09.2009
Ivo Windrich.
 
       
 

Der Sammelband Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen enthält neben einigen zusätzlichen Texten überarbeitete Vorträge einer Tagung für eine kritische Theorie zur Befreiung der Tiere, die im Februar 2006 von der Tierrechts-Aktion Nord (TAN) durchgeführt wurde. Mit 17 AutorInnen verschiedener Fachrichtungen beleuchtet das Buch das Verhältnis des Menschen zum „Tier“ und die sogenannte Tierrechtsbewegung aus verschiedenen Perspektiven. Die thematische Vielfalt reicht von Untersuchungen des Mensch-Tier-Verhältnisses in den gesellschaftsphilosophischen Strömungen von Marx, Schopenhauer und der Kritischen Theorie, über Aspekte zur Stellung der Tiere im Rechtssystem, in der Frauenbewegung, Wissenschaft und Religion, bis hin zu kritischen Betrachtungen der populären theoretischen Grundlagen innerhalb der Tierrechtsbewegung. Einzig moralische Appelle, das eigene Konsumverhalten zu ändern, oder allgemeiner: individualistische Ansätze, braucht der Leser, die Leserin nicht zu erwarten. Die Artikel sind sämtlich zur theoretisch-wissenschaftlichen Ausarbeitung geeignet und bieten daher verschiedenen Strömungen innerhalb der Tierrechtsbewegung, aber auch anderen GesellschaftskritikerInnen, Bezugspunkte für weitergehende Analysen zur Veränderung des Mensch-Tier-Verhältnisses hin zu einer Befreiung der Tiere aus der „lückenlosen Ausbeutung der Tierwelt“ (Dialektik der Aufklärung, Mensch und Tier). Sicherlich sind nicht alle Aufsätze für jedeN LeserIn geeignet, da sie zum Teil als Fachliteratur für AkademikerInnen angesehen werden können und andererseits einige Ausarbeitungen meiner Einschätzung nach äußerst kritisch zu bewerten sind.

 

Als Ausgangspunkt für eine Theorie zur Befreiung der Tiere haben einige der AutorInnen die Kritische Theorie der Frankfurter Schule gewählt, was ich persönlich für eine sehr gute Wahl halte, da die Kritische Theorie die Verhältnisse in den Industrieländern ebenso zeitgemäß wie umfassend und tiefgründig erfasst, und mit ihrer Kritik am Mensch-Natur-Verhältnis eine ergiebige Perspektive zur Kritik an der Tierausbeutung bietet. Aber auch TierrechtlerInnen, die mit der Kritischen Theorie (oder Marx) nichts anfangen können oder wollen, sich aber dennoch ernsthaft um eine fundierte Theorie zur Befreiung der Tiere bemühen, kommen an diesem Sammelband nicht vorbei. Es wäre vermessen an dieser Stelle eine inhaltliche Bewertung der Texte vorzunehmen, hierfür wären spezifische Ausarbeitungen notwendig. Dennoch möchte ich einen Aufsatz gesondert hervorheben, was keine Wertung der anderen Texte implizieren soll: Der Artikel Zur Verteidigung des tierlichen und menschlichen Individuums von Melanie Bujok. Die Sozialwissenschaftlerin und Journalistin beschreibt in ihrem Artikel, dass das gegenwärtige politische, ökonomische und juristische System den Tieren gegenüber ein absolutes Unrechtssystem ist. Basis der Überlegung ist die faktische „Vergesellschaftung der Tiere“, damit ist gemeint, dass die „Lebenswirklichkeit der Tiere [...] immer eine von Menschen geformte“ ist. Die „tierlichen Individuen [sind] an keinem Ort vom Sozialen „unberührt“; sie bleiben immer Tiere einer Gesellschaft von Menschen.“ Weiter sind die „Tiere“ eine sozial konstruierte Klasse, welche mittels körperlicher Gewalt unterdrückt und versklavt wird, um als „Verfügungsressource menschlicher Zwecke zu dienen“. Damit ist die Situation der Tiere in der menschlichen Gesellschaft, die ihnen „Naturzustand“ ist, zu erfassen als permanenter „Notstand“. Gewalt oder die Möglichkeit der Gewalt ist für die Tiere allgegenwärtig. „Wo Gewalt ubiquitär ist, ist der Ausnahmezustand gesellschaftlich aufgehoben, ist Tyrannis, die sich als ‚gute Ordnung’ verkleidet.“ Da die Tiere in diesem System einem „vierfachen Tauschbetrug“ unterliegen, ist die „bestehende Herrschaft über Tiere [...] illegitim, ungerecht, unvernünftig.“ Die „Tiere leben [...] nicht (nicht einmal) in einer sie repräsentierenden Demokratie; für Tiere sind die bestehenden Demokratien eine Tyrannis.“ Nach der umfassenden Analyse von Melanie Bujok ergibt sich dann folgende Situation:

Tiere sind in eine menschliche Gesellschaft inkludiert, unterstehen sozialem Zwang, ohne dass dieser die notwendigen Bedingungen einer legitimen Herrschaft erfüllt. Sie haben somit ein Recht auf Widerstand, wie dieser in der Zivilisationsgeschichte als politisches Widerstandsrecht entwickelt und in Teilen der politischen Philosophie als ‚Naturrecht’, als Individualrecht begründet wurde. Dass die Widerstandshandlungen legitimerweise nicht nur von den vom Unrecht Betroffenen (hier: von den Tieren), sondern immer auch von sich mit den Opfern Solidarisierenden durchgeführt werden können, ist das Verständnis einer „kämpfenden Solidarität“ und ein historisches Faktum.“(329)

 

Für die Autorin ergeben sich somit folgende Forderungen: Die Ideen der Aufklärung müssen zu Ende gedacht werden; „die oppressiven Kräfte in der Gesellschaft [gilt es] zu enttarnen [...] und [...] zu bekämpfen“; es muss „ein Bewusstsein von den Mensch-Tier-Beziehungen [ge]schaffen [werden], wie sie wirklich sind und nicht, wie sie durch den Prozess der Verdinglichung maskiert sind“; es muss politischen Widerstand als „Negieren des schlechten Bestehenden“ und die direkte Tierbefreiung in Form der „Zerstörung der Tötungsmaschinen“ und der „Öffnung der Fesseln und Käfige“ geben.

 

Was die AutorInnen in den verschiedenen Aufsätzen des Sammelbands Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen implizit begründen, hat sich mir auch in praxi gezeigt, als ich versucht habe mein anti-speziesistisches Engagement zu begründen: Die rein moralisch-philosophische Argumentation stößt schnell an ihre Grenzen. So können Überlegungen zur Beschaffenheit der nichtmenschlichen Tiere und die darin begründeten moralischen Implikationen schnell durch kulturhistorische Analysen zerredet werden. Warum? Weil rein moralphilosophische Perspektiven sich ausschließlich mit den Tieren befassen, dabei aber die „menschliche“ Seite – nämlich die ideologischen Ursachen – und die gesellschaftskritische Perspektive – das gesellschaftliche Ausbeutungsverhältnis – außer 8 lassen und daher die Komplexität der Zusammenhänge und Ursachen für die Ausbeutung der Tiere nicht erfassen können. Das Vergewaltigen (Zwangsbefruchtung in der Zucht), Foltern (Tierexperimente) und industrielle Massenmorden (Fleischproduktion) von Tieren ist integraler Bestandteil der modernen Kultur, der Zivilisation in den Industrieländern. Diesem fundamentalen Problem der Menschheit sind rein ethische Argumentationen nicht gewachsen. Das bedeutet nun nicht, dass ethische Überlegungen obsolet werden, schließlich sind sie doch normativer Ausgangspunkt für die Beurteilung des Mensch-Tier-Verhältnisses, die wiederum Grundlage für eine Modifikation des selbigen ist. Und damit kommen wir zur ...

 

Kritik: Stellenweise meine ich eine starke Ablehnung anderer als in dem Sammelband vertretenen Theorieansätze herauszulesen. Besonders am mehrfachen Beispiel der ablehnenden Auseinandersetzung mit der Tierrechtsphilosophie Peter Singers wird dies deutlich. Zumindest in Ansätzen scheinen mir diese Auseinandersetzungen über sachliche, objektive Analysen hinauszugehen und gleiten ab in einen ideologischen Dogmatismus. So leitet Susann Witt-Stahl den Sammelband programmatisch ein: „Nicht wenige Beiträge üben unverhohlen Kritik an der Theorie und Praxis der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung, erteilen dem „bürgerlichen Moralisieren“, den affirmativen Ethikkonzepten (utilitaristischer) „Tierrechtsphilosophen“, dem an den Rändern der Szene verbreiteten Naturromantizismus, dem Hokuspokus von Esoterik [...], christlichen und anderen Religionsgemeinschaften, aber auch einer rein aktionistisch ausgerichteten Tierrechtspolitik [...] eine deutliche Absage.“(12f) Marco Maurizi impliziert in seinem ersten Aufsatz Marxismus und Tierbefreiung die Forderung, „dass die Tierrechtsbewegung sich von der bürgerlich-liberalen Ideologie befreit und das Ziel der Befreiung der Tiere nicht mehr im moralischen, sondern im politischen, revolutionären Sinne verfolgt.“(97) Und in seinem zweiten Aufsatz Die Zähmung des Menschen weist er dem australischen Philosophen Peter Singer auf etwas zweifelhafte Weise das verhasste Label der „bürgerlichen Ethik“ zu, um damit seine – und das scheint mir ein Ziel des Artikels zu sein – rigorose Ablehnung zu beweisen. Ben Watson, „Professor für absolut nichts“ und „situationistischer Punk“, fordert die „falschen Marx-Interpretationen französischer Theoretiker über Bord [zu] werfen“(211). Die kritische Diskussion von Susann Witt-Stahl zum sehr problematischen „Holocaust-Vergleich“ entwickelt sich an einigen Stellen in eine Denunziation der ideologischen Gegnerschaft innerhalb der Tierrechtsbewegung, den bürgerlichen Moralisten Helmut F. Kaplan und der „Tierschutzorganisation“ PeTA (PeTA lässt sich von Tierausbeutern bezahlen und Kaplan sympathisiert mit der Sekte Universelles Leben etc.). Bei Günther Rogausch muss die rigorose Ablehnung anderer Theorieansätze nicht herausgelesen werden, er schreibt sie explizit in den Titel und plädiert für Ideologiekritik statt „Tierethik“. Seine Kritik an den Philosophen Jeremy Bentham, Peter Singer, Tom Regan und Helmut Kaplan hat zusammen mit einer kritischen Bemerkung, dass in der Tierrechtsbewegung „jedeR willkommen ist, der bzw. die sich nur irgendwie „um Tiere kümmert“, „gegen Grausamkeit“ oder einE TierfreundIn ist“(368), zumindest bei mir den Eindruck erweckt, dass in seiner Tierrechtsbewegung eben die Menschen nicht willkommen sind, die sich auf die genannten Philosophen berufen, denn schließlich ist es „von entscheidender Bedeutung, was genau, aber auch wie etwas „für Tiere“ getan wird“(344). Solche Aussagen scheinen mir nicht darauf abzuzielen die Theorienvielfalt der Tierrechtsbewegung und die Tiefgründigkeit und Komplexität der theoretischen Erfassung des Problems der Tierausbeutung zu erhöhen. Vielmehr habe ich den Eindruck, einige der AutorInnen wollen die einzig wahre Tierrechtstheorie offenbaren und die Bewegung von falschen Ansätzen rein halten. Ich fürchte, die Forderungen nach politischen Widerstand schlagen hier um in eine Herrschaft über die Widerstandsbewegung. Ist es nicht zum Beispiel theoretisch denkbar, dass gerade die zweifelhaften Aktionen von PeTA in der derzeitigen Gesellschaft am besten dazu geeignet sind, dass kollektive Bewusstsein über Mensch-Tier-Beziehungen zu ändern? Und ist es nicht im Gegenzug denkbar, dass gerade die permanente Torpedierung anderer in der Tierrechtsbewegung aktiven Personen und Gruppen, die sich auf oben genannte Theorien berufen, zur Destabilisierung dieser führt? Meiner Ansicht nach versuchen die AutorInnen die Theorie der Tierrechtsbewegung in starre ideologische Formen zu sperren und grenzen sämtliche Praktiken aus, die damit nicht vereinbar sind, egal wie nützlich oder wichtig sie für die Veränderung der Mensch-Tier-Beziehungen sein mögen. Gleichzeitig scheint mir von TierrechtlerInnen erwartet zu werden, dass sie ihre Autonomie aufgeben und dem vorgegebenen, eindimensionalen Weg folgen. Doch über die Kritik am Moralismus der AutorInnen, den TierrechtlerInnen vorgeben zu wollen, was sie zu denken und wie sie sich zu verhalten haben, hinaus, möchte ich betonen, dass die dargestellten Inhalte von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Tierrechtsbewegung sein sollten. Die Kritik soll also keinesfalls von der Lektüre des Sammelbandes abhalten. Im Gegenteil: wie oben ausgeführt, halte ich zumindest einige der enthaltenen Theorieansätze für notwendig um das komplexe Problem der Tierausbeutung adäquat zu erfassen. Vielmehr plädiere ich für ein dialektisches Verständnis der (Theorie der) Tierrechtsbewegung und ein höheres Maß an Toleranz anderer Theorie- und Praxisansätze beziehungsweise ein geringeres Maß an Dogmatismus, denn im bestehenden Schlechten ist es kaum möglich (bis auf direkte Tierbefreiung) eine „richtige“ Tierrechtstheorie und Praxis angeben zu können.

 

Ivo Windrich

 

Susann Witt-Stahl (Hrsg.). Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere. 2007 Aschaffenburg. Alibri Verlag. 384 S.

 

 

 
       
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