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Mitgefühl mit Tieren.

Artikel

 
 

Buchrezension The Great Compassion: Buddhism and Animal Rights von Norm Phelps

 

   
  Eingestellt am: 02.08.2009
Ivo Windrich.
 
       
 

 

Wie der Titel vermuten lässt handelt es sich bei Norm Phelps' The Great Compassion um eine Analyse des Buddhismus aus einer Tierrechts-Perspektive, so dass hier zwei sehr unterschiedliche Zielgruppen angesprochen werden. Auch die beiden Glossare im Anhang – eines mit buddhistischen und eines mit Tierrechts-relevanten Begriffen – verdeutlichen, dass das Buch sich an Buddhisten ebenso wie an Tierrechtler wendet, wobei es für letztere wohl eher zur Information dient. Schon nach kurzem Anlesen werden die LeserInnen feststellen, es handelt sich nicht um ein Buch, das – wie der Autor bei anderen Buddhisten mehrfach kritisiert – unseren falschen Lebensweg bestätigt und nur um ein paar spirituelle Aspekte bereichert: „A trend in contemporary Western Buddhism that is just as pernicious is the growing tendency to treat the Buddha as just another self-help guru“.(Einleitung XV f.) Nein, bei The Great Compassion handelt es sich um eine umfassende Analyse, die das Verhältnis der Buddhisten zu den nicht-menschlichen Tieren kritisch hinterfragt und deutlich zum Umdenken bewegt. Entsprechend konfrontiert das erste Kapitel die LeserInnen kompromisslos mit der faktischen Situation der Tiere und unserer Verantwortung dafür. So stellt Phelps fest, „we seek happiness by killing living beings. Our food, our clothing, and our entertainment all come at the price of billions of deaths.“(3) Anhand einer Auflistung der milliarden tierlichen Opfer unserer modernen Lebensweise kommt Phelps zu dem Schluss, dass das Töten nicht-menschlicher Tiere fester Bestandteil unserer Gesellschaft ist und selbst viele Buddhisten diesen grauenvollen Zustand unbeachtet lassen.

 

„Everywhere we turn, we encounter the killing of the harmless and the helpless. Our society is soaked through with killing like a piece of cloth drenched in blood. Our minds have become so permeated by killing that we do not recognize it as wrong, even while we are sitting on our cushions generating compassion toward all living beings.“(5f.)

 

Nach der bloßen Auflistung der Todesopfer beschreibt er im zweiten Kapitel die Art und Weise der industriellen Produktion tierlicher Lebensmittel und befreit die LeserInnen ebenso von Illusionen über Bio-Fleisch wie von falschen Vorstellungen darüber, dass Milch und Eier nicht unmittelbar mit schlimmsten Grausamkeiten verbunden wären. „The industrial model of animal agriculture depends on treating animals as raw materials to be turned into a product as quickly and efficiently as possible.“(11) Da es niemals möglich sein wird die von der modernen Industriegesellschaft konsumierte Menge an Tier-Produkten auf eine "tiergerechte" Weise [natural model] zu produzieren – wobei das Schlachten selbst natürlich niemals ''tiergerecht'' und ethisch vertretbar ist – kommt Phelps zur Erkenntnis: „The only alternative to factory farms is a vegan America.“(10, kursiv im Original) Das ganze Kapitel liest sich wie eine Zusammenfassung von Peter Singers Animal Liberation – ein viel rezipiertes und kritisiertes Standardwerk der Tierrechtsbewegung, dessen Argumentationen offenbar auch in Phelps' Ansichten eingegangen sind. Viele Zusammenhänge der industriellen Tier(körper)verwertung, die für TierrechtlerInnen zu den Basics gehören, müssen den meisten Menschen leider erst erklärt werden. Wem ist schon bewusst, dass Kühe Milch für ihre Kinder geben und diese ihnen weggenommen werden müssen, damit Menschen Milchprodukte konsumieren können? Die (psychischen) Folgen für die Tiere sind schrecklich: „When their babies are taken away they bellow and moan for days, and have been known to stand gazing at the spot where they last saw their calf for six weeks or longer.“(19) Und zu Recht fragt Phelps, „who are we with human arrogance to cause this mourning and this grief for the sake of a slice of cheese or a dish of ice cream?“(19)

 

Nachdem er die Folgen der Tierausbeutung beschrieben hat, analysiert Phelps im dritten Kapitel die Leidensfähigkeit der Tiere und erklärt ihren moralischen Status in der buddhistischen Lehre um diesen im vierten Kapitel mit der westlichen Sichtweise zu vergleichen. So kritisiert er, dass in westlichen Ansichten Tieren die Fähigkeit zu leiden ganz abgesprochen wurde [Descartes] oder ihre Leidensfähigkeit zumindest nicht – wie im Buddhismus – als die einzige moralische Bewertungsgrundlage herangezogen wird und die Tiere den Menschen in einer selbst geschaffenen Hierarchie unterstehen. Selbst die von TierrechtlerInnen gern zitierten Jeremy Bentham und Peter Singer würden in ihren Aussagen inkonsequent bleiben, wenn sie den moralischen Status der Tiere letztlich doch von irgendwelchen intellektuellen Fähigkeiten abhängig machen und sogar das Ermorden der Tiere zu rechtfertigen versuchen.

 

„The Buddha agreed with Singer that all sentient beings are entitled to equal consideration of their interests, but he and Singer part company on the wrongness of killing being related to capacities. Buddhist scriptures always use the term ''sentient beings'' or ''living beings'' without qualification. There is never a hint in Buddhist teachings that intellectual ability, a sophisticated sense of self, or any characteristic beyond the ability to suffer is relevant to moral standing.“(40)

 

Das zum Buchtitel gleichnamige Kapital The Great Compassion legt endlich das ethische Fundament für eine buddhistische Tierrechtsphilosophie. Erst gibt Phelps eine Einführung in die buddhistische Lehre und legt die grundlegenden Prinzipien der buddhistischen Ethik dar: Gewaltlosigkeit, Mitgefühl und die fünf Gelöbnisse. „Buddhist ethics are expressions of lovingkindness and compassion, nothing more, nothing less.“(46) Anschließend erklärt er, dass diese auf alle fühlenden Wesen gleichermaßen Anwendung finden und führt aus, welche praktischen Konsequenzen dies für die Lebensweise von Buddhisten in Bezug auf Tiere hat. So sollten Buddhisten zum Beispiel auch keine Zoos, Zirkusse oder Tiershows besuchen, denn „we have to withhold our money and our applause from all who earn their living by animal exploitation.“(51) 

 

Die darauf folgenden beiden Kapitel analysieren die klassischen Schriften des Mahayana und des Pali Kanon auf das darin dargestellte Verhältnis der Buddhisten zu den Tieren und insbesondere zur Frage des Fleischessens. Die Leserinnen und Leser erhalten wichtige Hintergrundinformationen zur Entstehung der Texte und erfahren wie einzelne Textstellen von buddhistischen Lehrern ganz unterschiedlich ausgelegt und diskutiert wurden und werden. Sehr interessant fand ich hierbei unter anderem die Ausführungen zur letzten Mahlzeit des Buddha, welche ja angeblich ein Fleischgericht gewesen sein soll. Das Ergebnis seiner Untersuchung fällt dabei recht eindeutig aus: „In eating the flesh of murdered animals, there is neither lovingkindness, compassion, nor nonviolence – only callousness and disregard for the suffering and death of living beings, no matter how clever we may be at finding loopholes.“(72)

 

Mit Ausnahme des neunten Kapitels, in dem er die Konzepte von Samsara und Karma erläutert und erklärt, was es mit der ''kostbaren menschlichen Geburt'' auf sich hat, untersucht der Autor in den folgenden Kapiteln verschiedene Argumentationen von Buddhisten, die versuchen aus der buddhistischen Lehre heraus, Fleischkonsum oder andere Formen der Tierausbeutung zu rechtfertigen. Aber die LeserInnen erfahren auch von buddhistischen Lehrern, wie S.H. dem Dalai Lama, die sich in Theorie und Praxis [animal liberation practice] gegen Tierausbeutung eingesetzt haben und einsetzen. Für TierrechtlerInnen ist hier die buddhistische Argumentation zum Thema Tierversuche sehr interessant. Laut Ashvaghosha, einem indischen Buddha-Biografen, soll Buddha zur Rechtfertigung von Tieropfern durch den daraus entstehenden Nutzen gesagt haben: „I desire not that fruit which is bought by causing pain to others! To kill a helpless victim through a wish for future reward, it would be an unseemly action for a merciful-hearted good man, even if the reward of the sacrifice were eternal.“(94) Aber zurück zu den buddhistischen Argumentationen zur Rechtfertigung von Fleischkonsum. Diese Mind Games haben eine Bandbreite von nachvollziehbaren Argumenten wie "friedliche Fleischesser sind mir lieber als aggressive Vegetarier" bis hin zu völlig abstrusen Konstruktionen wie "da das Tier, der Tiermörder und der Tiermord leer sind, existiert in letzter Konsequenz kein Tiermord". Phelps beweist ein tiefes Verständnis der buddhistischen Lehre und widerlegt alle angeführten Argumente auf einleuchtende Weise, deckt deren Fehler auf und stellt fest, dass Alle, die Versuchen Fleischessen, Jagd oder andere Formen der Tierausbeutung zu rechtfertigen, im Grunde kein Interesse an der korrekten Auslegung der buddhistischen Lehre haben, sondern diese aus einer speziesistischen Sichtweise heraus für ihr persönliches Vergnügen instrumentalisieren. Jedes vorgeblich buddhistische Argument zur Rechtfertigung irgendeiner Form von Tierausbeutung ist „simply speciesism dressed up in Buddhist language.“(130) [Phelps definiert Speziesismus wie Peter Singer als Vorurteil gegenüber nicht-menschlichen Tieren, das deren Ausbeutung und Missbrauch durch die Menschen rechtfertigen soll.] 

 

Wie Phelps im 12. Kapitel weiter ausführt kommt bei westlichen buddhistischen Strömungen die Denkweise hinzu, dass der Buddhismus nur eine weitere Möglichkeit darstellt, das eigene Leben zu bereichern und jede Meinung zu respektieren und zu tolerieren ist. „Our most deeply held commitment is to openness, tolerance, diversity, and respect for all points of view. We hold firmly to the belief that having firmly held beliefs is a sign of ignorance, provincialism, and stunted spiritual growth.“(141) Und er kritisiert, „too many Western teachers […] seems willing to make optional anything in Buddhism that might make a Western practitioner uncomfortable.“(139f.) Doch das buddhistische Prinzip der Gewaltlosigkeit ist kein Prinzip, an das mensch sich nach Belieben halten kann oder nicht. Nur weil es sich um ein Gelöbnis handelt, sich des Verletzens anderer Wesen zu enthalten und nicht um ein Verbot, ist dies keine Freikarte, blind den zerstörerischen Trieben zu folgen. Phelps erklärt weiter, dass die Frage, ob ein Buddhist Fleisch essen darf, falsch gestellt ist und jede Argumentation zu dieser Frage am Wesentlichen vorbeigeht. Es geht nicht um die spirituelle Fortbildung oder das Karma des/der Praktizierenden, sondern um das Leiden der Tiere. „There is no other way to overcome the resistence of most Western Buddhists. It's not about us; it's about the animals. A vegan lifestyle is not a dogma, it is an essential element of Buddhist compassion.“(141) In seiner Kritik an buddhistischen Argumenten, die Fleischkonsum verteidigen, widmet Phelps dem Tibetischen Buddhismus ein eigenes Kapitel, da dieser mit Sicherheit den höchsten Anteil an Fleischessern aufweist. Hierbei erklärt er die Hintergründe des Vajrayana und zeigt, dass es auch im Tibetischen Buddhismus große Lehrer gab und gibt, die sich sehr für Vegetarismus eingesetzt haben und einsetzen, wie er besonders am Beispiel S.H. des Dalai Lama ausführt, obwohl dieser bekannterweise selbst kein Vegetarier ist.  

 

Im letzten Kapitel überlegt Phelps, ob das Prinzip des Gebens – eine der sogenannten Vollkommenheiten – nicht auch dahingehend interpretiert werden muss, dass Buddhisten sich aktiv für Tiere einsetzen sollten und plädiert sehr überzeugend für Tierrechtsaktivismus in Anlehnung an den Engagierten Buddhismus von Thich Nhat Hanh. Denn den Tieren, die jetzt gequält und getötet werden hilft es nicht viel, wenn wir meditieren und für ihre Befreiung von Leid beten. Wir müssen auch unsere Stimme erheben und aktiv werden. Seine Stimme für die Tiere zu erheben bedeutet für Phelps zum Beispiel auch, omnivore Buddhisten auf ihr leidbringendes Handeln hinzuweisen (selbstverständlich mit Respekt und Mitgefühl). „Eating animal products is wrong, even when the person doing it is a teacher […] The great scandal of contemporary Buddhism is that so few practitioners are willing to speak out against meat-eating.“(166f.) Und schließlich legt er den LeserInnen – wie schon das ganze Buch über – eine vegane Lebensweise nahe, denn Veganismus „is the most important step that we can take to make our practice a blessing to all sentient beings while they remain here in samsara.“(169)

 

Fazit: Phelps zeigt, dass die buddhistische Ethik vollständig ist, in dem Sinne, dass sie keinerlei Diskriminierung oder Ausschluss irgendwelcher Lebewesen aufzeigt, da das Konzept buddhistischer Ethik ausschließlich auf der Differenzierung zwischen fühlenden und nicht-fühlenden Wesen basiert und andere Eigenschaften, die ethisch ohne Relevanz sind, unberücksichtigt lässt. Zudem gibt es nach der Lektüre von The Great Compassion keinen Zweifel mehr darüber, ob Buddhisten Vegetarier sein sollten oder nicht. Das Buch ist für alle Menschen und insbesondere für TierrechtlerInnen interessant und informativ, die sich für eine umfassende, tiefgründige, adäquate und kritische Analyse des Buddhismus aus der Tierrechtsperspektive interessieren. Für omnivore Buddhisten, die glauben, Fleischessen sei mit der buddhistischen Lehre beziehungsweise Ethik vereinbar, ist es ein absolutes Muss.

 

„The animals cannot speak on their own behalf; they cannot picket or demonstrate; they cannot vote, and they cannot contribute to political campaigns. They are counting on us to be their voice.“

 

Ivo Windrich

 

Phelps, Norm. The Great Compassion: Buddhism and animal rights. 2004, Lantern Books, NY. 208 Seiten, Englisch. $20 U.S. 

 

 
       
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