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Buchrezension: Dr. Tony Page, Buddhism and Animals. A Buddhist Vision Of Humanity's Rightful Relationship With The Animal Kingdom.
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| Eingestellt am: 16.06.2010 Ivo Windrich. |
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For whether they are walking, sitting, standing, lying, or even sleeping, meat eaters are a source of terror to animals who can smell them – just as everyone is frightened at the smell of a lion. (Mahaparinirvanasutra)
Über die buddhistische Lehre heißt es, sie predige Gewaltlosigkeit gegenüber allen fühlenden Wesen, ob menschlich oder nicht-menschlich. Dennoch essen die meisten Buddhisten Fleisch. Es stellt sich also die Frage: Wird der Fleischverzehr von Buddhisten durch ökonomische Bedingungen und nicht-buddhistische kulturelle Einflüsse bestimmt, oder ist die Ignoranz gegenüber dem Leiden der Tiere tatsächlich Ausdruck der buddhistischen Lehre? Wie lässt sich bestimmen, wie sich das Mensch-Tier-Verhältnis im Buddhismus darstellt? Also, wie wir nach der buddhistischen Lehre über Tiere denken und mit ihnen umgehen sollten. Wie lässt sich überhaupt bestimmen, was „buddhistisch“ ist, wo doch der Buddhismus ein dermaßen heterogenes und komplexes gesellschaftliches System ist? Eine plausible Möglichkeit besteht natürlich darin, die klassischen buddhistischen Lehrtexte auszuarbeiten. Und genau das hat Tony Page getan. Er hat die Texte des Mahayana und des Pali Kanon umfassend auf das darin dargestellte Mensch-Tier-Verhältnis untersucht und seine Exegese zudem um ausführliche Erläuterungen zu den wichtigsten philosophischen Begriffen und Theorien des Buddhismus ergänzt. „What we are attempting to do in this book is to unearth the many positive references to animals found in the Buddhist texts and re-present them to the open-minded, sympathetic reader, so that the full extent of Buddhism's support for animal beings can become more clearly manifest.“(93) Das Buch ist gegliedert in vier Teile, die ich einzeln ansprechen möchte. Doch zuvor der Text zum Autor: „Dr. Tony Page studied German Literature at the universities of London, Freiburg and Vienna, and holds a Doctorate of Philosophy in Literature from the University of Oxford. In addition to being a professionally trained medical copy editor and an academic translator and tutor, Dr. Page is an active voluntary campaigner in the field of „animal rights“ and is the author of two books against vivisection. For the past 20 years, Dr. Page has been a keen student of Buddhism, an interest which was intensively pursued during his years of research at Oxford University and which continues to deepen to this day.“
Der erste Teil des Buchs beschreibt die Lebensgeschichte Buddhas, seine Suche, sich vom weltlichen Leben und seinen falschen Versprechungen zu befreien und seinen Kampf mit den Verführungen (in Gestalt des „buddhistischen Teufels“ Mara). Nachdem er mit 35 Jahren die Erleuchtung erlangt hatte, also die grundlegenden Prozesse unseres Lebens erkannte, reiste er durch Indien und lehrte seinen Pfad, der zur Befreiung führt, ohne dabei Wert auf die Herkunft seiner Anhänger_innen zu legen (was im vorherrschenden altindischen Kastensystem geradezu revolutionär war). „Unlike the social Establishment around him, he paid no heed to divisions of caste, class, sex or race.“(42)
Im zweiten Teil legt Page die Grundlagen der buddhistischen Philosophie dar, also die ontologischen Konzepte (wie Samsara, Karma, die drei Eigenschaften des Daseins, Nirvana) und die Befreiungslehre (die vier edlen Wahrheiten, der edle achtgliedrige Pfad, die zwölfteilige Kette des abhängigen Entstehens). Wenn wir die ursprüngliche Buddha-Lehre in einem Satz zusammenfassen wollen, könnten wir sagen: Unser Leiden entsteht durch den Ego-Prozess – also das durch die Sinnesorgane vermittelte Anhaften an die materielle Welt und die daraus entstehende Konstruktion des Egos – und das Ziel der buddhistischen Praxis ist die Befreiung des Geistes von der Versklavung durch dieses Ego, also „emancipation from the tyranny of the ego“.(54)
Der dritte Teil untersucht das in den klassischen Texten dargestellte Verhältnis des Buddhismus zu den nicht-menschlichen Tieren und die daraus ableitbaren Konsequenzen für Praktizierende und die Gesellschaft. Ich möchte die Kapitel aufgrund ihrer Relevanz einzeln abhandeln.
Kapitel 4 zeigt, an welchen Stellen von Buddhas Biografie Tiere auftauchen. Die große Wertschätzung nicht-menschlichen Lebens durch die Lehre wird nachgewiesen anhand zahlreicher Textstellen, in denen Schlüsselerlebnisse des Buddha mittels Tier-Metaphern dargestellt werden. So ist Buddhas Pferd Kamthaka weit mehr als nur ein Reittier, es ist sein Mitstreiter, der über den Weggang seines Freundes trauert, als dieser sein Leben im Palast aufgibt um nach der Erlösung zu suchen. Page resümiert: „Our investigations have thus clearly revealed that at every major turning-point in the biography of the Buddha, and indeed in almost every Buddhological context of high importance, it is to animals that the Scriptures resort to express the superlative qualities both of the Buddha and of Enlightenment itself. It would be self-contradictory beyond belief if the Scriptures were then to portray the Buddha as one with no regard for animals; as one who denied these beings the potential for virtuous action (no matter how difficult to exercise such virtue in their realm); or even as one who excluded these individuals (currently in animal form in a particularly suffering-filled destiny) from ultimate entry into Nirvana.“(87)
Anhand einiger der wichtigsten buddhistischen Texte (Mahayana-Sutras und Jataka-Geschichten) wird im fünften Kapitel gezeigt, dass die buddhistische Lehre von ihrem Wesen her nicht speziesistisch ist, also auf dem Pfad zur Befreiung vom Leiden die nicht-menschlichen Tiere nicht als minderwertig angesehen und diskriminiert werden. „There never has been, and there never will be, a time when the Buddhas cease caring about the creatures of the animal realm.“(96) Eine Stelle aus dem (Mahayana) Mahaparinirvana Sutra unterstreicht die konsequent anti-diskriminierende Haltung des Buddhismus gegenüber allen fühlenden Wesen: „Even to an ant, one must give the mind of fearlessness“. Der Buddha besteht also darauf, dass wir niemals auch nur dem kleinsten Lebewesen ein Leid zufügen sollen. Besonders die Tatsache, dass nach den klassischen Lehrtexten auch Tiere das Potential haben Buddhaschaft zu erlangen, ist für Page ein wichtiges Argument, warum Buddha nicht einmal den geringsten Akt der Gewalt gegenüber Tieren tolerieren würde.(107)
Kapitel 6 behandelt das Thema „Buddhism and Hunting“. Neben zwei Jataka-Erzählungen über das Jagen (die Geschichte vom „Hirsch Banyan“ und „der sagenhafte Sharabha Hirsch“) diskutiert Page das Prinzip der Gewaltlosigkeit (ahimsa), aus dem eindeutig geschlussfolgert wird: „It is abundantly clear […] that not only actively hunting animals is utterly and unequivocally condemned by the Buddha, but so is any kind of approbation of such activities. The reason is simple: Buddhism seeks to develop and promotte a culture of compassion and mutual aid, where all are for each and each is for all.“(111)
Kapitel 7 ist der „leidigen Frage“ gewidmet, ob Buddhisten Fleisch essen dürfen. Der wohl am häufigsten von Fleischverzehr befürwortenden Buddhisten verwendete Text ist das Jivakasutta des Majjhima-Nikaya (Mittlere Sammlung des Pali-Kanon). Hier wehrt sich Buddha gegen den Vorwurf, er würde seinen Anhängern erlauben Fleisch von Tieren zu essen, die extra für sie geschlachtet würden. Buddha erlaubt das Fleischessen, wenn sichergestellt ist, dass der Fleischesser keine Mitschuld am Tod des Tieres trägt. Pro-Fleisch Buddhisten deuten dies als generelle Erlaubnis zum Fleischverzehr um und ignorieren wie vehement Buddha sich im zweiten Teil des Textes dagegen ausspricht, dass für Buddhisten Tiere getötet werden. „He wants no part in the whole cruel business.“(124) Im Weiteren interpretiert Page neben einigen Jatakas zahlreiche klassische Mahayana-Texte (Lotus Sutra, Brahmajala Sutra, Lankavatara Sutra, Mahaparinirvana Sutra, Surangama Sutra) und zeigt, dass die Ethik des Mahayana im Wesentlichen der Philosophie des Veganismus entspricht, der Mensch also in seinem Verhalten danach streben soll, sich von allen Formen der Ausbeutung (von Tieren und Menschen) fern zu halten. „To the Buddha, no distinction should be made between brutal human exploitation and that of animals.”(144) Page schlussfolgert hinsichtlich des Vegetarismus: “It thus seems incumbent upon the serious student and practitioner of Buddhism to aim towards becoming a vegan. By drinking milk and eating cheese, etc., we are still complicit in the suffering and death of thousands of inoffensive and defenceless animals. And who amongst us would wish that on our conscience?”(147)
Als nächstes bespricht Page eines der “grausamsten Kapitel in der langen Geschichte der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen: Vivisektion.” Einerseits erklärt er, dass Tierversuche aus wissenschaftlicher, sowie aus buddhistisch-spiritueller Sicht nutzlos sind, und auf der anderen Seite macht er deutlich, dass die buddhistische Ethik sich klar gegen die moralische Basis der Tierversuche richtet, also Grausamkeiten und Leid nicht durch einen daraus entstehenden Nutzen gerechtfertigt werden. „The Buddha rejected all animal sacrifice, absolutely and without exception. In Asvagosha's Buddha-karita, the Sage emphatically condemns animal sacrifice to a King who claims it can bring celestial happiness to humans. The Buddha responds:
Im Gegenteil, statt andere für das eigene Wohl zu opfern, ist die buddhistische Ethik altruistisch. „Even if it costs one’s very life – the scripture seems to be saying – one should not sink to the level of killing any animal. Rather, one should be prepared to offer up one's life to save animals in danger or distress.“(159)
In Kapitel 9 erklärt Page zum Abschluss von Teil 3, warum und wie Buddhisten für Tiere politisch aktiv werden sollten und bespricht die Frage, ob Buddhisten auch Tiere aus Gefangenschaft befreien dürfen/sollen. „Seeking to rescue animals from ill-treatment and suffering is nothing less than a Buddhist obligation.“(181) Insgesamt begrüßt Tony Page die Tendenz, dass immer mehr Menschen sich gegen die Ausbeutungsverhältnisse des herrschenden Systems stellen und ihre Stimme für die Unterdrückten erheben: „Fortunately, however, there is a counter-current [Gegenbewegung] developing, and increasing numbers of people are saying “No!” to a heartless capitalist system that has neither respect for animal life nor concern for oppressed men, women and children.“(130)
Im vierten Teil versucht Page uns abschließend die Essenz der buddhistischen Lehre und ihre Bedeutung für die Welt nahe zu bringen. Er erklärt die so genannten „Vollkommenheiten“ (paramitas), die Leerheit (shunyata), die Erleuchtung und Nirvana, aber auch buddhistische Spezialitäten wie die Zen-buddhistische Alles-ist-Eins-Lehre oder das Tibetische Totenbuch. Dabei erhalten wir einen Überblick über die philosophischen Ansätze und Theorien der verschiedenen buddhistischen Schulen. Aus der fundamentalen Erkenntnis des Buddha, dass das Selbst nur eine Illusion ist (das Ego ist konstruiert), wurde die Theorie der Leerheit (shunyata) entwickelt beziehungsweise die Theorien der Nur-Geist-Schule (Yogacara). Diese Mahayana-Philosophien sind wiederum Ausgangspunkt für die Ansichten im Vajrayana und Zen, wie etwa die Non-Dualitäts-Lehre. Die Essenz der Darstellungen besteht meiner Ansicht nach in der idealistischen Vorstellung, dass der Egoismus überwunden werden kann und die Menschen erkennen, dass alles nur in Abhängigkeit von einander existiert, wenn die Menschheit nur die Qualitäten der Weisheit und des Mitgefühls voll entwickeln. Auf diesem Weg können wir lernen, in Harmonie mit der Natur und allen fühlenden Wesen zu leben.
Fazit: Das Buch geht weit über eine Darstellung des Mensch-Tier-Verhältnisses in der buddhistischen Lehre hinaus. Es enthält eine authentische Darstellung der Lebensgeschichte Buddhas, seiner Lehre, der klassischen Lehrtexte und sämtlicher wichtigen Begriffe und Theorien im Buddhismus. Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, Tony Page würde sämtliche Schriften des Buddhismus kennen. Entsprechend kann Buddhism and Animals auch als eine Art Nachschlagewerk für buddhistische Basics und Fragen zur Stellung der Tiere in der Lehre betrachtet werden. Wer also wissen möchte, ob Buddha Fleisch gegessen hat, oder was sich hinter so nebulösen Begriffen wie „Buddhanatur“ und „Non-Dualität“ verbirgt, für den ist das Buch bestens geeignet. Auch wenn einige Interpretationen von Page recht eigensinnig und idealisiert sind und wahrscheinlich nicht der klassischen Interpretation entsprechen, so dürfte Buddhism and Animals das Standardwerk zum Thema Tiere in der buddhistischen Lehre sein.
Ivo Windrich
Dr. Tony Page, Buddhism and Animals. 1999, UKAVIS Publications, London. 297 Seiten |
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